Social Distancing ist uns mittlerweile allen ein Begriff. Auf Abstand gehen. Bis letzte Woche waren die Schulen aufgrund der Corona-Krise geschlossen und auch ich als Lerntherapeutin habe mich entsprechend mit Fernunterricht auseinander gesetzt und Schüler aus der Distanz betreut. Dabei fiel mir mal wieder auf, wie wichtig es ist, sich in zwischenmenschlichen Beziehungen gegenseitig mit Respekt und auf Augenhöhe zu begegnen. Im Folgenden schildere ich euch einige Beispiele aus dem Fernunterricht der letzten Wochen. Dies, weil sich diese Beispiele sehr gut auch auf andere zwischenmenschliche Beziehungen, wie z.B. zwischen Erwachsenen oder zwischen Eltern und ihren Kindern, übertragen lassen. Denn wie ihr schon im Titel dieses Beitrages gelesen habt: Eine gute zwischenmenschliche Beziehung bedeutet immer, sich in einer Beziehung frei zu fühlen und sich auf Augenhöhe zu begegnen.

Eine gute Lehrperson ist genau so Glückssache wie eine sympathische Schwiegermutter

Kinder haben keinen Einfluss auf die Wahl ihres Lehrers. Vielmehr gilt es oft als Glückssache, in welche Klasse Kinder eingeteilt werden und ob es zwischen Schülern und Lehrern zwischenmenschlich passt oder eben auch nicht. Eine Wahl ihres Lehrers gab es für SchülerInnen auch im Fernunterricht nicht. Und so gibt es im Leben immer wieder Situationen, in welchen man nicht selber wählen darf, mit wem man es zu tun bekommt. Angefangen beim Lehrer in der Schule bis zur Schwiegermutter 20 Jahre später. Aber es gibt einige wichtige Punkte, die wir beachten können, um mit möglichst vielen Menschen in unserem Umfeld eine unbeschwerte Beziehung eingehen zu können. Dies, auch wenn wir uns eine Beziehung zu der einen oder anderen Personen so selber nicht aktiv ausgesucht hätten.

Sich auf Neues einlassen

Die menschliche Begegnung auf Augenhöhe ist das, was für mich immer zentral ist. Auch wenn die Rollen von Lehrpersonen und SchülerInnen sehr unterschiedlich sind, ist es meiner Meinung nach auch in einer Lehrer-Schüler-Beziehung möglich, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Es hilft, wenn wir uns bewusst machen, dass wir alle voneinander lernen und zwar täglich. Eine Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft, uns auf Neues einzulassen. Vermittle ich als Lehrperson über Jahre hinweg denselben Lerninhalt auf die immer gleiche Weise, entsteht Routine. Lehrpersonen gewöhnen sich daran, dem Lernenden zu sagen, wie etwas geht. Diese Routine birgt die Gefahr, sich selber nach einer gewissen Zeit nicht mehr in das Gefühl des Lernenden, also des Gegenübers, hineinversetzen zu können. Auf Dauer kann es so schwierig werden, sich den SchülerInnen weiterhin nahbar zu geben. Die Kluft zwischen „allwissenden Lehrpersonen“ und „dummen SchülerInnen“ vergrössert sich, Distanz entsteht.

Und dann hat Corona diese teils festgefahrenen Rollen auf den Kopf gestellt. Wenn es um Digitalisierung geht, sind mir meine SchülerInnen als Digital Natives nämlich um Längen voraus. Nicht selten zeigen mir SchülerInnen neue technische Möglichkeiten, die sie schon mit leichter Hand umsetzen. Dass ich als Lehrperson dankbar darauf reagiere, gibt ihnen ein Gefühl von Stärke und Wichtigkeit. Das heisst nicht, dass ich als Lehrperson dadurch die Führung der Gruppe abgebe oder alle SchülerInnen plötzlich machen, wozu sie gerade Lust haben. Der Rahmen ist weiterhin definiert. Aber ich versuche als Lehrperson das vorzuleben, was ich meinen SchülerInnen nebst dem Fachlichen für das Leben beibringen möchte: Es ist okay Fehler zu machen und Dinge nicht zu wissen, denn genau daraus lernen wir.

Die Bereitschaft, Fehler zu machen, zuzugeben und daraus zu lernen ist aber nur dann vorhanden, wenn SchülerInnen wissen, dass sie beziehungsmässig getragen werden. Also wenn sie weder verurteilt, noch ausgelacht, noch klein gemacht werden für ihre Fehler. Sie müssen sich ihrem eigenen Platz in der Klasse sicher sein. Als Lehrperson kann ich die SchülerInnen durch meine klare, menschliche Haltung darin unterstützen, ihren Platz zu finden und das Gefühl vermitteln getragen zu sein. Ob im Schulzimmer oder in einer Videokonferenz macht da keinen Unterschied.

Und so verhält es sich in all unseren Beziehungen, unabhängig von Schülern und Lehrern. Wir stehen dann zu unseren Fehlern, wenn wir uns wohl fühlen in unserem Umfeld. Und Voraussetzung dafür sind Beziehungen auf Augenhöhe, in der ich keinen Imageverlust erleide, wenn ich einen Fehler mache und dazu stehe.

Gegenseitiges Interesse ist eine weitere Voraussetzung

Auch in der Zeit von Social Distancing haben wir die Möglichkeit, einander zu fragen, was uns beschäftigt. Nicht nur über sachliche Inhalte in der Schule oder im Job zu sprechen, sondern auch über die persönliche Situation meines Gegenübers etwas zu erfahren, schafft menschliche Nähe. Dadurch fühlt sich ein Schüler, aber auch ein Erwachsener, als Mensch gesehen und angenommen, was einem unserer menschlichen Grundbedürfnissen entspricht.

Neues kommt immer: die Eigenverantwortung

Als weiterer Punkt nenne ich hier die Eigenverantwortung. Die Fähigkeit sich im Leben auf Neues einzulassen, ist für jeden zentral, denn das Leben besteht nun mal aus Veränderungen. Sämtliche Beziehungen verändern sich ebenso ständig. Es gibt zum Beispiel Klassenwechsel von SchülerInnen und Neuanstellungen von Lehrpersonen. Diese Veränderungen fühlen sich für viele erst einmal unangenehm, bedrohlich oder beängstigend an. Sich jedoch gegen Veränderungen zu wehren, braucht enorm viel (unnötige) Energie. Wenn wir es aber schaffen, Veränderungen im Leben zu akzeptieren und wir die Verantwortung für unser Handeln und unsere Unsicherheit übernehmen, erkennen wir früher oder später nebst den Herausforderungen auch die Chancen von Veränderungen. Das Verändern der eigenen Einstellung kann an niemanden delegiert werden. Lernen bedeutet die eigene Komfortzone zu verlassen, bedeutet Entwicklung und bringt mehr Unabhängigkeit, was längerfristig zu einem freieren Gefühl führt. Wenn SchülerInnen das lernen, lernen sie etwas Wichtiges für das Leben.

Wie sieht es mit deinen eigenen Beziehungen aus?

Egal, ob Lehrperson, Schüler, Elternteil oder Erwachsener in Beziehungen, stelle dir in Gedanken folgende fünf Fragen und überlege dir, welche Elemente auf die Beziehungen mit den Menschen in deinem Umfeld heute schon zutreffen:

  1. Fühlst du dich frei, wenn du mit dieser Person zusammen bist?
  2. Fühlst du dich menschlich gleich wertvoll wie sie?
  3. Erlaubst du dir Fehler und neue Erfahrungen zu machen, wenn du mit dieser Person zusammen bist?
  4. Interessierst du dich genauso für die andere Person, wie sie sich für dich interessiert?
  5. Übernehmt ihr beide die Verantwortung für euer Tun in dem Masse, wie es die Situation, das Alter und eure Rollen gerade zulassen?

Diese Fragen können durch deine eigenen Werte, welche für dich in deiner Beziehung wichtig sind, ergänzt werden. Gerne darfst du mir diese in den Kommentaren mitteilen.